Theologie in Farbe
über das Malen von Ikonen
Ikonen – der Inbegriff orthodoxer Frömmigkeit – sind auch für den westlichen Gläubigen eine Bereicherung und erscheinen uns seltsam vertraut.
Ikonen schlagen eine Brücke zwischen den Kirchen des Ostens und des Westens. Sie haben eine Ökumenische Dimension.
Ikonen sind keine Kunstobjekte nach westlichem Kunstverständnis, die Forderung nach künstlerischer Freiheit und die Betonung der unverwechselbaren Handschrift des Künstlers gelten hier nicht.
(Helmut Fischer)
Die Freiheit des Ikonenmalers endet da, wo er sich ein bestimmtes Motiv aussucht. Die möglichst unveränderte Wiederholung der Darstellung – oft auch als „Ikonen schreiben“ bezeichnet – ist mit dem Wesen der Ikone untrennbar verbunden: durch das Abbild schauen wir auf das Urbild.
„Es ist nicht der Künstler, der durch die Ikone spricht, sondern die Ikone, die durch den Künstler zum Sprechen gebracht wird.“
(E. D. Moutsoulas)
Achtsamkeit, Lernbereitschaft und Geduld auf einem Fundament des Glaubens sind die Voraussetzungen, um dauerhaft und angemessen dem Ikonenmalen gerecht zu werden.
Basis eine Ikone ist ein festes Brett, ein „unerschütterliches Fundament“. Es wird geleimt, mit Stoff bezogen, mit Kreideschichten versehen und anschließend spiegelglatt geschliffen. Oft ist es mit einer Vertiefung (Kovceg) versehen.
Als nächster Arbeitsschritt werden – im Sinne der Werktreue - die von der Vorlage abgenommenen Konturen auf die Malfläche übertragen und anschließen eingraviert.
Bevor man mit dem eigentlichen Malen beginnt, wird die Ikone vergoldet. Ein Charakteristikum ist die Verwendung von Gold für den Hintergrund und den Heiligenschein (Nimbus). Dies soll den Glanz des Ewigen, des Jenseitigen symbolisieren. Oft werden neben der üblichen Technik der „Mattvergoldung“ noch durch eine „Hochglanzvergoldung“ besondere Akzente gesetzt. Durch „Assist“ (feine Goldstrichelung) und Chrysographie (Goldmalerei) erhalten manche Gewänder, Gegenstände oder Flügel zusätzliche Würde und Glanz. Auch dies ist symbolisch zu sehen:
„Mit dem Gold der schöpferischen Gnade beginnt die Ikone, und mit dem Gold der Gnade abgeschlossen.“
(Pavel Florenski)
Nun werden die Farben bereitet: Beim Ikonenmalen verwendet man natürliche Pigmente wie Ocker, Umbra, gebrannte Erden, Elfenbeinschwarz, usw. Diese werden mit einer Emulsion aus Eidotter, dunklem Bier und Nelkenöl vermalbar gemacht. Die Malflächen werden nun mit dunklen, noch nicht vom Licht erhellten Nuancen der zukünftigen Farbe bemalt. Diese Flächen werden nun mit Konturen versehen und sind somit vorbereitet für die körperhafte Gestaltung.
Ikonen sind nicht Abbild der Natur, sondern Darstellung des Transzendenten. Durch die traditionelle Technik der Eitempara-Malerei mit ihren zarten körperlos wirkenden Lasuren soll gerade dieses Nichtgegenständliche betont werden.
Kann man bei der Darstellung der Architektur, Bergen, Bäumen und anderen Hintergründen durchaus noch Pinselstriche wahrnehmen (als Zeichen der irdischen Natur), so wird bei den Gewandfalten und besonders bei den Gesichtern größter Wert daraufgelegt, einen ätherischen Charakter der Aufhellung zu erzielen. Diese plastische Gestaltung der „beleuchteten“ Oberflächen erreich der Ikonenmaler durch Auftragen von immer heller werdenden, hauchdünnen Lasuren, um am Schluss noch helle Glanzlichter (Eigenlicht) aufzusetzen.
Es ist immer wieder ein Erlebnis, wenn – als allerletzter Moment beim Malen eines Gesichtes – das Glanzlicht in den Augen gesetzt wird. Dann blickt der Heilige den Maler an…
„Die Techniken der Ikonenmalerei sind so beschaffen, dass das durch sie Hervorgebrachte nicht anders begriffen werden kann als vom Licht hervorgebracht.“
(Pavel Florenski)
Als abschließende Handlung folgt sie Beschriftung die Ikone, wodurch - nach orthodoxem Bildverständnis – das Urbild im Abbild gegenwärtig ist. Vergleichbar etwa mit der im Westen gepflegten Reliquienverehrung versteht man Ikonen gleichsam mit heiliger Kraft aufgeladen. Auch ist es üblich, Ikonen zu weihen.
Aus diesen Sachverhalten ergibt sich, dass sich die Frage nach „Echtheit“ einer Ikone nicht nach den gewohnten Kriterien stellt. Nach westlichem Kunstverständnis ist hauptsächlich das Alter (die „Patina“) und eventuell der schaffende Künstler (sofern bekannt) entscheidend für die Echtheit und den Wert einer Ikone. Im orthodoxen Verständnis ist eine Ikone dann echt, wenn sie nach den Regeln gemalt wurde, wenn sie geweiht ist, wenn sie verehrt wird.
Eine Ikone entzieht sich folglich der Bewertung als „Kunstwerk“.
Die persönliche Handschrift des Malers ist nicht von Bedeutung, eine Ikone wird weder signiert noch datiert. Die Einhaltung der Stilmittel (Farbsymbolik, Gebärden- und Formensprache, Eigenlicht und umgekehrte Perspektive) und die perfekte Ausführung der Malerei sind entscheidend für die Qualität einer Ikone.
„Die Ikone ist nicht ein Kunstwerk, das schön ist, sondern es ist die Wahrheit, die sie schön macht.“
(E. D. Moutsoulas)